PARCOURS

Jetzt aber raus aus der Höhle

Er rechnet ab mit dem Kunstmarkt, dem Kommerz und hohler Attitüde: Gianin Conrad zeigt in der Kunsthalle Wil unter dem Titel «Playing the Game», wie Kunst, Kleckern und Klonen oft fatal zusammenspielen.
15.04.2018 | 05:16
Christina Peege

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Das ist ein Schauspiel für die Götter: Kunsthalle Wil, Künstler Gianin Conrad sitzt am Empfang und zerschnippelt Geldscheine. Die Ausstellung als Geldvernichtungsmaschine? Keineswegs: «Ohne Einsatz kein Spiel», so der Künstler verschmitzt. Minutiös faltet er die Scheine und flicht sie in die Plastikkörbchen von Badminton-Federn. In seiner Ausstellung unter dem Titel «Playing the Game» wird weniger um Geld als mit Wertvorstellungen gespielt. Wer mit dem Kunstbetrieb noch eine Rechnung offen hat, kann sie hier begleichen. Auf dem Spiel steht lediglich die Sicht des Betrachters.

Wer den Aufwärmparcours in der Eingangshalle mit einer rätselhaften rosa Reuse und einer Hecke durchlaufen hat, kann in der Halle gleich weiter spielen – Badminton in einem eigenwilligen Spielfeld, auf dem man nur stolpern kann. Zunächst tritt man an eine Installation, in der einem zahlreiche Elemente bekannt vorkommen, da breitet sich ein blauer Teppich über Wand und Boden aus, darauf ein Pfeil in der Form eines Computer-Cursors, ein gelb gefärbtes File, das man vom Bildschirm her kennt oder ein blecherner Abfalleimer mit Papier drin. Man sitzt vor einem absurden Computerbildschirm. Conrad fragt hier nach dem Wert von Material, nach der Bedeutung des händischen Machens. So sind alle Skulpturen aus gebranntem Ton gemacht, mit Acrylfarbe bemalt – aber als reale Objekte völlig nutzlos, während sie als virtuelle Zeichen auf dem Bildschirm nützliche elektronische Werkzeuge sind.

Schatten und Erkenntnis, spielen und straucheln

Augenzwinkernd lässt Conrad den Betrachter durch die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung stolpern. Das nachgestellte Lagerfeuer verweist auf das Feuer im Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon, wie der Künstler ausführt. Pla-ton hatte im 5. Jahrhundert vor Christus das Bild der Höhle als Denkfigur entwickelt: In der Höhle drin leben Menschen als Gefangene ihrer fünf Sinne. Ein Feuer in ihrem Rücken wirft Schatten von Gegenständen an die Höhlenwände. Die Höhlenbewohner verwechseln die Schatten mit der Erkenntnis der Ge­genstände und mit der Wahrheit. Was man als wahr zu erkennen glaubt, hängt also vom Ort ab, wo man sich befindet.

Lange philosophieren soll man aber nicht: Der Künstler stellt farbig verspritzte Badminton-Schläger zur Verfügung, behelfs derer man die manipulierten Federn über eigens gespannte Netze spielen kann. Ohne Einsatz kein Stolpern, erkennt man – wer also die virtuelle Zeichensprache auf seinem Bildschirm mit der Realität verwechselt hat (oder umgekehrt), kommt hier ganz schön ins Straucheln. Und wer bislang das reale Jonglieren mit Geld (an den Bad- minton-Federn) als Mass für die Qualität von Kunst gehalten hat, dürfte spätestens hier körper- lich (und intellektuell) ins Schwitzen geraten.

Conrads Arbeiten sind ebenso vielschichtig wie dass sie spielerisch die elitäre Attitüde des Kunstbetriebs ad absurdum führen. Im Obergeschoss verhüllt ein mit einer aberwitzigen Szene bedruckter Vorhang zwei weitere Installationen: Die Figur «l’ homme qui marche» von Alberto Giacometti – en miniature geklont aus echten Hunderter-Noten – mit dem dort aufgedruckten Konterfei des Künstlers. Conradins Schreitender verweist auf die Kunst, den Kommerz und gleichzeitig ist er Vernichtung von realem Geldwert. Die mit Farben bekleckerte Hose gleich daneben auf dem Boden liegend veräppelt Marcel Duchamps Pissoir – plakativ drapiert ist die vom Hersteller in den Hosenbund eingenähte Etikette mit dem Aufdruck ART: 8645, W: 36 L 34. Endlich lässt mal einer die Hose in Sachen Kunst herunter: Nicht alles, was in einer Kunsthalle landet, ist dank der Aura des Ausstellungsortes auch wahre Kunst. Spätestens hier realisiert der Ausstellungsbesucher – es gibt eine Welt jenseits der Höhle.

Hinweis

Bis 20.5., Künstlergespräch und Performance: Mi, 2.5., 19 Uhr, Kunsthalle Wil, Grabenstrasse 33.

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