«Ich möchte Gedanken einpflanzen»

  • Druckfrisch: Morten Widrig in der Buchhandlung Comedia mit seinen Comics.
    Druckfrisch: Morten Widrig in der Buchhandlung Comedia mit seinen Comics. (Bild: Philipp Bürkler)
06.10.2017 | 05:20

COMIC ⋅ Was wäre, wenn wir Menschen nicht mehr träumen könnten? Die Antwort gibt Morten Widrig in seinem dritten Band «Traumlos». Morgen präsentiert der Rheintaler sein neustes Werk in der Buchhandlung Comedia St. Gallen.

Philipp Bürkler

Philipp Bürkler

philipp.buerkler@tagblatt.ch

Es ist eine düstere Geschichte: Sie spielt in einer anderen, fernen Welt zu einer anderen Zeit. In der dystopischen Welt Veravys plant ein korruptes Regime, seinem Volk die Träume wegzunehmen, um es besser kontrollieren zu können. Der Protagonist der Geschichte, Lian Ravynson Braun, kämpft als Rebell gemeinsam mit Tjari Heddas gegen das Regime und für die Träume der Menschen. Die Geschichte, die an die nordische Mythologie angelehnt ist, stammt aus dem dritten Teil der Comicreihe «Traumlos» von Morten Widrig, der in diesen Tagen erscheint.

Es ist eine philosophische Frage, die der 25-jährige Autor und Zeichner stellt. Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der die Menschen ihren Alltag nicht mehr im Unterbewusstsein in Träumen verarbeiten könnten? «Wenn unser Unterbewusstsein nichts mehr verarbeiten könnte, würde das in Aggressionen ausarten», ist sich Widrig sicher. Wie eine solche Welt aussehen würde, beschreibt der Comic.

Gesellschaft besteht aus Uhrwerksmenschen

«Wir schenken unseren Träumen und dem Unterbewusstsein zu wenige Beachtung», sagt Widrig. Die Menschen würden nur auf ihre Arbeit und auf die Grausamkeiten fokussieren, die uns täglich am Fernsehen gezeigt würden. Die Menschen sollten sich mehr auf sich selbst konzentrieren und sich weniger wie «Uhrwerksmenschen» verhalten.

Vor gut fünf Jahren hatte Morten Widrig ein Buch mit ähnlicher Thematik geschrieben. Veröffentlicht hatte er es aber nie, weil es «zu persönlich war». Das Buch sei inhaltlich so krass gewesen, dass er es niemandem habe zumuten wollen. «Es war eine Endzeitbeschreibung mit Einflüssen und Parallelen zum libyschen Gadhafi-Regime, das wollte ich der Öffentlichkeit nicht antun», sagt er wehmütig. Kollegen hätten aber positiv reagiert, weshalb er die Geschichte weiter entwickelt und sie nun als Comic her­ausgegeben habe. Weil aber auch der Comic eine dystopische Endzeitgeschichte erzählt, in der auch Gewaltszenen vorkommen, ist der Comic erst ab 18 freigegeben. «Die Gewaltszenen braucht es, um zu veranschaulichen, wie eine Welt ohne Träume aussehen würde.» Mit seiner Geschichte will Widrig vor allem die Leserinnen und Leser aufrütteln und sie sensibilisieren. «Ich möchte den Menschen Gedanken einpflanzen», wie er es nennt.

Zeichnungsunterricht für geistig Behinderte

Geradezu bescheiden spricht Widrig über seine künstlerische Zukunft. Er habe nicht vor, mit seiner Kunst Geld zu verdienen, Zeichnen soll ein Hobby bleiben. Weshalb diese Bescheidenheit? «Ich bin motivierter, wenn ich etwas in meiner Freizeit mache, als wenn ich es unter Druck machen muss.» Kunst als Nebenverdienst sei in Ordnung. Wichtiger als eine Karriere als Comiczeichner ist Widrig derzeit seine Ausbildung in St. Gallen als Sozialpä-dagoge. Die Ausbildung erlaubt es ihm, seine zeichnerischen Fähigkeiten auch im pädagogischen Bereich einzusetzen. In verschiedenen Pflege- und Betreuungsinstitutionen gibt er Zeichenunterricht für geistig Benachteiligte.

Diese Menschen hätten einen ganz anderen Zugang zur Kunst. Zu Beginn bräuchten sie mehr Struktur und Unterstützung. «Sobald man diese Leute an einen Punkt bringt, an dem sie ihren Horizont entfalten, können sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen.» Menschen mit einer Behinderung seien äusserst kreativ und die Figuren in ihren Zeichnungen meist abstrakt. Widrig versteht sich bei seinen Kursen als «Türöffner». Nicht nur bei Behinderten, auch bei Nichtbehinderten. Während geistig behinderte Menschen weniger Hemmungen hätten, sich frei zu entfalten, würden sogenannt «normale» Menschen nicht selten an einer Blockade leiden. Die kreative Zeichenblockade komme entweder von Lehrern oder Mitschülern aus der Schulzeit, die unsere eigenen Zeichnungen abgewertet hätten. «Die Blockade zu durchbrechen braucht bei nicht behinderten Menschen tendenziell länger als bei behinderten.»

Auch als geübter Zeichner sei es schwierig, Emotionen zu transportieren. «Emotionen dürfen nicht lächerlich oder oberflächlich wirken, gleichzeitig muss man sie überzeichnen, da es ja ein Comic ist.» Um seine Charaktere in den Büchern authentischer wirken zu lassen, entwirft Widrig für die Protagonisten ein Storyboard. Darin enthalten sind eine Biografie und persönliche Eigenschaften, die in der Geschichte zwar nicht vorkommen, die den Charakter der Figur aber ausmachen.

Signierstunde und Verkaufsstart des dritten Bandes

In einem Comic könne eine Geschichte wegen der Bilder zwar einfacher erzählt werden als in einem Buch, die Komplexität des Inhalts bleibe trotzdem erhalten. Visuell fallen Widrigs Zeichnungen durch das satte Schwarz sofort auf. Die Reihe «Traumlos» ist mit schwarzer Tusche gezeichnet und wirkt dadurch ausdrucksstark und besonders kontrastreich.

Seine «Traumlos»-Bände gibt Morten Widrig im Eigenverlag heraus. «So kann niemand reinreden und ich behalte die gestalterische und inhaltliche Kontrolle», begründet er. In der St. Galler Buchhandlung Comedia signiert der Zeichner aus Au morgen seinen neusten Band. «Ich verkaufe auch handgefertigte Originalskizzen aus dem Buch.»

Sa, 7.10.: 12–17 Uhr, Signierstunde in der Buchhandlung Comedia, St. Gallen; www.comedia.ch

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