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Die Marke Ken Follett

Fachliteratur lesen, an Schauplätze reisen – vor dem Schreiben recherchiert Ken Follett penibel, unterstützt von Experten und Historikern. Jetzt erscheint das dritte Buch seiner Kingsbridge-Reihe.
10.09.2017 | 05:18
Hendrik Breuer

Hendrik Breuer

Ken Follett ist nicht bloss irgendein Autor seichter, schnell zu lesender, aber immer fesselnder historischer Epen. Der 68-jährige Brite ist mit 160 Millionen verkauften Büchern einer der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit. Ken Follett ist eine Marke, seit Neuestem sogar mit eigenem Schriftzug. Das «Ken» thront dabei mittig über dem «Follett» und zwar genau zwischen O und erstem T. F und zweites T sind grösser gehalten, sodass der Namenszug, der ab sofort weltweit auf allen Büchern und Werbebannern prangt, tatsächlich aussieht wie eine mittelalterliche Burg.

Wobei wir beim Thema wären. Denn Follett ist nicht nur durch professionelles Marketing zum internationalen Bestsellerautoren geworden, sondern durch penibel recherchierte Romane, bei denen historische ­Persönlichkeiten und Ereignisse stets korrekt, also den bekannten Fakten entsprechend, in die Geschichten eingebaut werden. Dafür liest der Autor nicht nur unzählige Fachbücher, bevor er mit dem Schreiben beginnt, sondern bereist zudem sämtliche Schauplätze seiner Bücher. «Das gibt mir Sicherheit und macht mich frei,» erklärt Follett seine Detailversessenheit: «Wenn ich die Orte gesehen habe, kann ich mir ausdenken, was ich will, ohne mich ständig fragen zu müssen, ob das auch wirklich hätte passieren können.»

Für «Das Fundament der Ewigkeit», dem dritten Buch der Kingsbridge-Reihe (nach «Die Säulen der Erde» und «Die Tore der Welt»), hat Follett neben Orléans, Paris, Sevilla und Antwerpen eine Reihe englischer und schottischer Schlösser besucht.

Wo Maria Stuart eingesperrt war

Besonders angetan hat es ihm dabei Lochleven Castle. Dorthin hat Follett eine Reihe Journalisten zur Präsentation des neuen Buchs eingeladen. Die kleine bei Edinburgh auf einer Insel gelegene Burg ist zwar nicht mehr bewohnbar, doch gut genug erhalten ist sie allemal, um zu erahnen, was sich hier vor fast 500 Jahren abgespielt hat. In den Jahren 1567 und 1568 war Maria Stuart fast zwölf Monate lang auf Lochleven Castle eingesperrt. Hier wurde sie zur Abdankung vom schottischen Thron gezwungen, bevor ihr in einer spektakulären Nacht- und Nebelaktion die Flucht gelang. Marias Flucht von der Insel kommt im neuen Follett-Roman eine besondere Rolle zu, obwohl sich die erzkatholische und immer glücklos agierende «Queen of Scots» nicht gerade als aktive Gestalterin hervortut. Vielmehr ist sie ständig präsent als mögliche Alternative zur protestantischen englischen Königin Elizabeth I., deren enger Vertrauter Ned Willard aus Kingsbridge die Verbindung zur Erfolgsserie darstellt.

Das fiktionale Kingsbridge spielt diesmal allerdings eine weniger prominente Rolle als in den Vorgängern. Eigentlich hätte das Buch überall in England verortet sein können, zumal sich die Handlung weitaus mehr über Europa und darüber hinaus erstreckt als in den ersten beiden Büchern.

Genau wie von «Die Säulen der Erde» zu «Die Tore der Welt» springt Follett mit «Das Fundament der Ewigkeit» 200 Jahre weiter und setzt seine Handlung im 16. Jahrhundert an, einer Zeit verschärfter religiöser Konflikte zwischen Katholiken und den verschiedenen protestantischen Konfessionen. «Zu dieser Zeit hat jeder halbwegs vernünftige Mensch gewusst, dass es nur eine wahre Religion geben kann und dass Nichtgläubige unbedingt verbrannt werden müssen,» erklärt Follett mit britischer Ironie, «nur welche Religion die wahre ist, darüber war man sich nicht einig.» So brannten mal Katholiken und mal Protestanten auf den Scheiterhäufen Europas.

Elizabeth will dem überall auflodernden religiösen Fanatismus Toleranz entgegensetzen und macht sich so die drei mächtigsten Männer Europas zu Feinden: die Könige von Spanien und Frankreich sowie den Papst, die Maria lieber heute als morgen auf dem englischen Thron sähen.

Historische Fakten und Fiktion zusammenbringen

Follett hat wieder ein rasantes tausend Seiten langes Epos geschrieben, das Fans historischer Romane sicherlich in seinen Bann ziehen wird. Die Kingsbridge-Serie muss man übrigens nicht kennen, um sich ins Buch hineinzufinden. Inquisitoren in Sevilla, reiche Händler in Antwerpen, katholische Fanatiker und Hugenotten in Paris, selbst karibische Sklavenhalter haben ihren grossen Auftritt. Diese historische Einbettung der vielen Erzählstränge, die gewohnt meisterhaft miteinander verwoben sind, machen «Das Fundament der Ewigkeit» noch interessanter als das sehr auf Kingsbridge beschränkte «Die Säulen der Erde».

Doch zurück nach Lochleven, wo Follett jetzt erklärt, wie er historische Fakten und Fiktion zusammenbringt. «Wir wissen, dass Maria am 2. Mai 1568 geflohen ist, während ihre Bewacher gefeiert haben. Wir wissen zudem, dass William Douglas, der Sohn des Schlossherrn, seinem Vater den Schlüssel zum Burgtor gestohlen hat», sagt Follett. Der 15-jährige, vermutlich verliebte William hat nach der Flucht noch fast zwanzig Jahre lang dem «Hofstaat» Marias angehört. William hat Maria und einige Begleiter auch von der Insel gerudert.

«Was wir nicht wissen, ist, ­in welche Richtung sie entkommen sind oder wo genau im Schloss sie eingesperrt war», so Follett weiter, «aber da ich jetzt alle bekannten Fakten und die Örtlichkeiten kenne, kann ich mir ein realistisches Szenario ausdenken und alle Lücken füllen.» Im Buch warten Marias Sympathisanten mit Pferden im Dorf Kinross ­ auf die Ex-Queen und bringen sie von dort ins englische Exil. «Viele meiner Leser sind Experten auf bestimmten Gebieten», sagt Follett, «ich möchte nicht, dass sie in meinen Büchern Fehler finden.»

Am Lochleven-Kapitel dürfte niemand etwas auszusetzen haben. Dafür bürgt der Autor mit seinem runderneuerten Namen.

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