LITERATUR

Der schrägste Autor der Schweiz

Seine Romane sind so grob satirisch wie die Filme der englischen Komiker von Monty Python. Gion Mathias Cavelty lässt in seinem neuen Roman Franz Klammer von der Skipiste nach Jerusalem fliegen.
07.12.2017 | 05:20
Hansruedi Kugler

Hansruedi Kugler

Winterolympiade Innsbruck: Bernhard Russi wartet mit Bestzeit am Ziel. Sein ewiger Rivale Franz Klammer mit bester Zwischenzeit über den Oachkatzl-schwoaf-Sprung hebt ab ... und verschwindet im Nebel. «Ja, wo ist er denn hin?» Weil der Erzähler Gion Mathias Cavelty heisst, beginnt hier eine rasante, scheinbar komplett durchgeknallte Zeitreise: Nach Jerusalem, wo Klammer mit seinen Skiern auf dem Kopf von Jesus Christus landet, dann mit Johannes dem Täufer flieht und nach Etappen im alten Ägypten, bei den Maya und in Venedig wieder auf der Skipiste landet. Alles bloss geschmackloser Quatsch? So einfach ist es nicht. Cavelty gehört zu den Autoren, die einen vor den Kopf stossen oder einem den Kopf verdrehen können. Einerseits, weil einem vor Zeitsprüngen und einem Feuerwerk an mystischen Anspielungen schwindlig werden kann. Andererseits, weil hier einer ein ganz ursprüngliches, anarchisches Verständnis von Satire hat: Die Umkehrung aller Werte, aller Logik und Weltbilder. Seine Lust daran rührt auch vom streng katholischen Milieu her, in dem er aufgewachsen ist. Im neuen Roman zeigt er sich überdies als akribischer Bibelkenner.

Schon sein Erstling war literarischer Wildwuchs

Das war schon in seinem ersten Roman so. Mit diesem landete der Jüngling aus dem Bündnerland gleich beim renommier- testen Verlag: Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld nahm ihn für «Quifezit» 1997 unter Vertrag. Irritiert, aber interessiert. Schon dieser Erstling war ein wilder literarischer Ritt, der sich wenig um Logik und Geschmacksgrenzen scherte. Gion Mathias Cavelty schickte darin einen Jüngling in einem Geigenkoffer mit einem sprechenden Pudel und einer Pianistin auf Welt-, Entdeckungs- und Selbstfindungsreise, die an «Alice im Wunderland» erinnerte. Am Ende stand die Geburt eines Poeten. Leser wie Kritiker waren schnell gespalten: War das nun Gymnasiasten-Ulk oder radikale Satire, an Dada erinnernde Antilogik mit surrealen und okkultistischen Gewürzen?

Seither hat Cavelty vor allem dies: irritiert. Besonders mit dem Kultbuch «Endlich Nichtleser» aus dem Jahr 2000, in dem er zur Ausrottung der Lesesucht schreitet und Gutenberg von Handgranaten zerfetzen lässt. Keiner hat die Grenzen des Geschmacks so gesprengt wie er. Sei es in seinen 28 Literaturshows zwischen 2001 und 2006, zu denen alle seine Jugendhelden kamen: Jörg Schneider, Peach Weber, Trudi Gerster, Bernard Thurnheer, aber auch eine Teddybär-Weltmeisterin und ein Porno-Filmkritiker. Oder dann in seinen «Nebelspalter»-Kolumnen und in journalistischen Reportagen über Stephen King, die Suche nach dem Heiligen Gral in Frankreich oder einen Opernabend – für diesen Text gewann er 2012 den Zürcher Journalistenpreis. Cavelty, ein Freak? Eigentlich ist er ein sanfter Mensch, lebt mit Frau und Tochter in Zürich Oerlikon und hört am liebsten Heavy Metal.

Gion Mathias Cavelty: Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete. lector books, 144 S., Fr. 22.–

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