Das Wasser bringt ihre Geschichten zum Fliessen

  • Erfolgsautorin Federica de Cesco in Chexbres.
    Erfolgsautorin Federica de Cesco in Chexbres. (Bild: Anthony Anex/KEY)
08.08.2017 | 05:17

BEGEGNUNG ⋅ Ein Ausflug mit der weltberühmten Jugendbuchautorin: Die Luzernerin Federica de Cesco lud nach Chexbres ein. Hier in den Weinbergen hat sie sich abenteuerliche Geschichten ausgedacht.

Tina Uhlmann, SDA

Der Lac Léman wirkt manchmal weit wie das Meer. Wenn es dunstig ist und die französischen Alpen vom Nordufer her nicht zu sehen sind, verschmelzen Himmel und See am Horizont, der den Blick hinauszieht in die Ferne. In die Sahara, nach Tibet, in den Wilden Westen, nach Malta – Weltgegenden, in denen Federica de Cescos Romane spielen.

Die heute 79-Jährige, in verschiedenen Ländern aufgewachsen, ist auch als Erwachsene viel gereist. «Der Genfersee, die Schweiz war unser Ausgangspunkt», erklärt sie, die ihren Mann, den japanischen Fotografen Kazuyuki Kitamura, immer mitmeint. Auch auf diesem Ausflug ist er dabei, hat sie von Luzern, wo die beiden heute wohnen, ins Lavaux chauffiert und sitzt jetzt etwas entfernt auf einem Barhocker im «Baron tavernier». Das Hotel mit Terrassenrestaurant und schicker Lounge liegt am Dorfrand von Chexbres inmitten von Weinstöcken. Es ist Vormittag, statt Wein bestellt Federica de Cesco Kaffee und Schokoladeneis. Ihr Blick schweift über den See. Nach links, wo er sich Richtung Wallis reckt. Und nach rechts, wo die Stadt Genf in der Hitze funkelt wie ein Bergkristall. Die Aussicht ist atemberaubend wie ein Blick in ihren Werkkatalog: Über 50 Jugendbücher und 15 Romane für Erwachsene (nebst sechs Sachbüchern und einer Autobiografie) hat sie geschrieben. Doch keine der Geschichten spielt am Genfersee. Hat dieser sie nicht inspiriert? «Er hat mich in die Ruhe gebracht, die zum Schreiben nötig ist», antwortet sie.

Chexbres, wo Federica De Cesco viele Jahre gewohnt hat, liegt 200 Meter über dem See, von Bern aus via Palézieux oder von Vevey aus mit dem Zug zu erreichen. Hier hat Ferdinand Hodler seine berühmten Seebilder gemalt. Von Chexbres aus ist die Autorin oft auf Winzerpfaden durch die Weinberge gestreift und hat sich abenteuerliche Geschichten ausgedacht, die Jugendliche süchtig machen.

Beweglich wie ihre mutigen jungen Heldinnen

Vom schmucken alten Dorf aus führen Winzerwege durchs Lavaux. Ein Weg führt erst nach Westen und dann hinunter nach Rivaz. «Rivaz ist fast so geblieben, wie es zu unserer Zeit war, n’est-ce pas?», ruft Federica de Cesco ihrem Mann zu. Agil wie ein Reh bewegt sie sich auf dem schmalen Pfad, der auch über die alten Mäuerchen führt, vor denen zu ihrem Entsetzen die Graffiti-Sprayer nicht Halt gemacht haben. Für den Fotografen kriecht sie, beweglich wie ihre jungen, unerschrockenen Heldinnen, gar unter einem Zaun durch. Und posiert «au paradis». Man merkt: Sie hat Routine. Sie weiss sich in Szene zu setzen. Sie kokettiert.

Nach dem Shooting führt der Weg Richtung Osten weiter nach St. Saphorin, dann wieder hinauf nach Chexbres. Es ist heiss, man meint, den Trauben beim Reifen zuschauen zu können. Als Autorin war Federica de Cesco schon früh reif: «Le foulard rouge», die Geschichte eines weissen Mädchens, das mit den Indianern kämpft, schrieb sie mit 15. «Der Rote Seidenschal» erschien 1957 und ist heute ein Klassiker.

Warum sind Kitamura-De-Cescos vom Genfersee weg nach Luzern gezogen? «Es war immer so weit von hier an die Lesungen», erklärt sie. «Von Luzern aus kann mich mein Mann an die Lesungen fahren und wieder abholen. So kann ich in meinem eigenen Bett schlafen. Wir sind», entschuldigt sie sich, «ein bisschen sesshaft geworden.»

Die nächsten drei Bücher hat sie schon im Kopf

Auch Luzern liegt an einem See. Ist das wichtig? «Sehr», sagt sie. Das Wasser bringe die Geschichten zum Fliessen. Also blickt sie aus ihrem Arbeitszimmer auf den See? «Nein! Das würde mich ablenken, zum Träumen bringen.» Wenn es ans Schreiben geht, gibt es für Federica de Cesco nur den Bildschirm, auf dem ihre niemals versiegenden inneren Bilder in Sprache gegossen werden. Früher schrieb sie acht Stunden am Tag, heute «nur» noch vier bis fünf Stunden. Soeben hat sie den Spionageroman «Der englische Liebhaber», basierend auf Korrespondenz aus dem Familienkreis, beendet; er wird 2018 erscheinen. Und: «Die nächsten drei Bücher habe ich schon im Kopf.» Zurück im «Baron tavernier» ruht sich die Vielschreiberin vom Erzählen auf dem Weg durch die Vignobles aus. Wein bestellt sie auch diesmal nicht, dafür ein Spargelmousse mit Steinpilzreis. Dazu gibts den schönsten Blick über den Genfersee.

 

Tina Uhlmann, SDA

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