HELEN MEIER

Böse Geschichten über das Altern

Ihre literarische Karriere begann spät, mit einer gut gefüllten Schublade. Unterdessen ist der Schreibtisch der 88-jährigen Autorin leergeräumt. Für ihr Gesamtwerk erhält sie den Ausserrhoder Kulturpreis.
21.05.2017 | 22:00
Bettina Kugler

Bettina Kugler

Ein milder Nachmittag Mitte Mai; eine Ahnung von Sommer liegt in der Luft, als wir bei Helen Meier läuten: an der Tür des stattlichen Bürgerhauses im Trogner Dorfkern, in dem die Schriftstellerin seit langen Jahren lebt. «Häuser sind wie Menschen», hat sie einmal geschrieben, in der Prosasammlung «Das Haus am See» (1989). Dieses hier, der Tobler’sche Holzpalast, erzählt ein Stück Appenzeller Bau- und Kulturgeschichte. Ihre Wohnung darin ist hell, grosszügig, luftig möbliert. Auf Landsgemeindeplatz und Kirche fällt der Blick.

Man kann sich die scharfsichtige Beobachterin am Fenster vorstellen: wie sie die Vorbeigehenden, die Menschen auf dem Platz nah heranholt, ihre Beweggründe erforscht, ihnen wenn nötig die Masken, die sie tragen, unbarmherzig herunterreisst. Eine «ausgemachte Voyeurin» sei sie, so hiess es vor Jahren in einer Rezension der «Salzburger Nachrichten».

Literarischer Spätstart mit reicher Nachlese

Doch sie schüttelt den Kopf. Nein, sie habe nichts erfinden müssen. «Es ging mich immer etwas an, es musste mich betreffen, damit ich darüber schreiben konnte.» Bewusst wählt Helen Meier die Vergangenheitsform. Anders als Martin Walser, der kürzlich seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, drängt es sie nicht mehr, in ungebrochener Schaffenskraft jährlich mindestens ein umfangreiches Manuskript fertigzustellen. «Diese Bücher hier sind eine Nachlese», sagt sie über die Bände, die 2014 und 2015 im Xanthippe-Verlag herauskamen.

Lange Zeit schrieb sie für die Schublade. Als der Zürcher Verleger Egon Ammann auf Helen Meier aufmerksam wurde und sie zu fördern begann, war sie schon Mitte Fünfzig: im Spätsommer des Lebens. Die Erfahrung des Alterns, des Zerfalls, des Liebesverlustes hat sie immer schon umgetrieben; unerbittlich hat sie sich damit in den Strom der Zeit und der Worte gestellt.

Fragil und flatterhaft wie ein Schmetterling

Ihr Schreibtisch, darauf ein grosser, eleganter Flachbildschirm, ist an diesem Nachmittag akkurat aufgeräumt. Neben der Tastatur liegt nur die aktuelle Ausgabe der «Appenzeller Zeitung». Keine Notizen, keine Skizzen. Ihr umfangreiches literarisches Werk, für das ihr am Mittwoch der Kulturpreis des Kantons Appenzell Ausserrhoden überreicht wird, hat Helen Meier abgeschlossen. Gleichwohl bewegt sie sich darin noch immer so leicht und flatterhaft wie der Kleine Fuchs, der den Titel des zuletzt erschienenen Bandes «Die Agonie des Schmetterlings» ziert.

«Böse Geschichten» verspricht dieser späte Band mit frühen Texten im Untertitel. Mit oberflächlichen Nettigkeiten hat sich Helen Meier tatsächlich selten aufgehalten. Die Stärke ihrer Texte liegt im Widerborstigen: im schroffen, zuweilen zornigen Ton, in schneidenden Bildern und Sätzen. Viel hat sie beim Schreiben aus Erlebtem, aus eigenen Erfahrungen geschöpft. Etwa aus ihrem Alltag als Sonderklassenlehrerin in Heiden.

«Lichtempfindlich», jener Text, mit dem sie 1984 bei den Klagenfurter Literaturtagen an die Öffentlichkeit trat, erzählt in Momentaufnahmen von der scheuen, unbeholfenen Liebe eines lernbehinderten Schülers zu seiner Lehrerin. In der Jury sass damals auch Marcel Reich-Ranicki, gefürchtet für seine harschen Urteile. Helen Meier erinnert sich lebhaft an ihren Auftritt. «Ich hatte keine Angst. Ich hatte zu schreiben begonnen, weil ich beim Lesen oft dachte: Das kann ich besser! Und ich wusste auch, dass ich meine Texte gut lese.»

Später, im Laufe unseres ruhig mäandernden Gesprächs, einem Rundgang durch die Räume ihres Lebens und Schreibens, der bis in die Schlafkammer mit der tiefenpsychologischen Fachbibliothek führen wird, liest sie ein Stück aus ihrem autobiografisch gefärbten ersten Roman «Lebenleben» (1989) vor. Helen Meier hat darin die Erfahrungen, die Beschädigungen ihrer Jugend im St. Galler Oberland ausgeleuchtet, jedem Familienmitglied ein Kapitel gewidmet. Bis auf ­ die an Schizophrenie leidende Schwester und sich selbst liess sie alle sterben. «Mein Bruder hat mir das nicht verzeihen können. Er hat es nicht verstanden.» Auf dem Vorsatzpapier ihres Exemplars ist eine lange Widmung. Es ist das Buch, das sie dem Bruder schenken wollte. Er lehnte es ab.

Wortgewitter und ein erster Sommerregen

Der Reihe nach zieht sie die bei Ammann erschienenen Bände aus dem Regal. Wir sitzen unterdessen im Arbeitszimmer mit der grossen Bücherwand. Während draussen das erste Sommergewitter mit sanftem Donner über das Dorf hinwegzieht, werden wir immer wieder den Standort wechseln, gemeinsam nach Büchern suchen, die ihr wichtig sind und waren: Die Romane Muriel Sparks, Christine Lavants Gedichte und Erzählungen, Philip Roths «Der menschliche Makel». Die Bücher von Maria Beig, mit der Helen Meier biografisch etliches verbindet.

Beide waren lange als Lehrerin tätig, beide haben sie die literarische Bühne erst in reifen Jahren betreten. Was Helen Meier nicht bedauert. «Man muss erst das Leben kennen lernen, bevor man schreiben kann. Viele Junge fangen heute an mit einem einzigen Thema, sie schreiben darüber einen Roman – und wissen danach nicht weiter.»

«Meine Bücher haben in ihre Zeit gepasst»

Die Perspektive gewechselt, das Leben kennen gelernt hat sie während ihrer Auslandsaufenthalte in England, Frankreich und Italien, als Betreuerin tibetischer Flüchtlinge im Dienst des Schweizerischen Roten Kreuzes. «Ich wollte nicht nur in der Schweiz hocken und Kindern das Einmaleins beibringen», sagt Helen Meier in ihrer direkten, schnörkellosen Art. Eine Sicherheit im Tun und Benennen liegt noch immer darin.

Durchhaltewillen habe sie gebraucht beim Schreiben, ein unbeirrbares Selbstvertrauen – und dann mit Egon Ammann einen Lektor, der es hier und da noch besser haben wollte. Im Sommer 2010 gab er seinen angesehenen Verlag aus Altersgründen auf. «Auch beim Schreiben hat man eine gewisse Zeit zur Verfügung, die muss man nutzen», sagt Helen Meier. «Es gibt wechselnde Moden; meine Bücher kamen gerade richtig. Sie passten in diese Zeit.» Ihre Zeit als Schriftstellerin sei vorbei, findet sie. «Ich lebe jetzt in einem Schutzraum.»

Frauen mit unstillbarem Lebenshunger

Der Kulturpreis freut sie; wichtig aber waren ihr Auszeichnungen wie das Ernst-Willner-Stipendium, das sie 1984 in Klagenfurt erhielt, der Rauriser Literaturpreis für ihr Erzähldébut «Trockenwiese», die Preise der Schweizerischen Schillerstiftung, der Droste-Preis der Stadt Meersburg. Als Autorin des Ammann-Verlags fand Helen Meier international Beachtung. Man spürt noch immer die Genugtuung nach vielen Jahren stiller Schubladenschriftstellerei, als ihr die unverlangt eingereichten Manuskripte zurückgeschickt wurden.

Beachtet und geliebt zu werden, in Schwächen und «Behinderungen», im unaufhaltsamen Verfall: diese Sehnsucht verbindet die Figuren, denen sie in ihren pointierten Geschichten und Stücken Gestalt verliehen hat. Es sind Lebenshungrige, Liebeshungrige wie Helen Meier selbst. An der Sprache dafür hat sie hartnäckig gearbeitet; entstanden ist so der charakteristische Helen-Meier-Sound. Ein Wortgewitter sehr vitaler Frauen, die sich nicht abfinden wollen mit der Hölle des Alters.

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