FILMFESTIVAL

Bodenständig auf dem roten Teppich

Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist in Deutschland in die Kritik geraten. Nächste Woche muss sich der 69-Jährige noch einmal beweisen.
11.02.2018 | 05:17
Daniel Kothenschulte

Daniel Kothenschulte

Als Dieter Kosslick die Berlinale gerade drei Jahre geleitet hatte, machte er die Bemerkung, das einzige, was Berlin noch von Cannes unterscheide, seien der fehlende Strand und das Wetter. Heute sagt das wohl niemand mehr: Cannes ist der unangefochtene Platzhirsch und auch das kleinere Venedig sieht im Herbst dank seines exzellenten Hollywood-Angebots meist besser aus.

Nach 16 Kosslick-Berlinalen – sein Vertrag als Direktor endet 2019 – drängen deutsche Filmschaffende auf einen echten Neustart. Ohne den Berlinale-Chef beim Namen zu nennen, forderten über 70 namhafte Regisseure in einem offenen Brief: «Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen.»

Wenige Meisterwerke, viele enttäuschende Beiträge

An Bewerbungen herrscht, wie man aus Berlinalekreisen hört, kein Mangel. Immerhin ist es einer der höchst dotierten Posten im deutschen Staatsdienst. 2014 bezifferte die «Bild»-Zeitung Kosslicks Bezüge auf 276 839 Euro. In der Tat kann man sich fragen, ob eine «kuratorische Persönlichkeit» von Seiten der Politik überhaupt gewünscht ist. Denn anders als etwa das Festival in Locarno, das traditionell von Filmkritikern und renommierten Filmexperten geleitet wird, sitzen in Deutschland meist Kulturmanager auf den Leitungsposten grösserer Filmfestivals.

Kosslick, der die Verantwortung für ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro trägt, hat seine Wurzeln in der sozialdemokratischen Politik. Vom Redenschreiber wurde er 1982 Redaktor der Politik-Zeitschrift «Konkret», wechselte aber schon im Jahr darauf zur Filmförderung Hamburg. Später machte er als Geschäftsführer die neu gegründete Filmstiftung Nordrhein-Westfalen zu einer der wichtigsten regionalen Filmförderungen in Europa. Als brillanter Netzwerker sucht er den Kontakt auf Augenhöhe insbesondere mit dem filmischen Nachwuchs. Seine oft geradezu hemdsärmeligen Moderationen gehen auf Distanz zu Standesdenken und Bildungsattitüde. Wer ihn etwa in Locarno oder Cannes in einem Cafétisch erspäht, wo noch ein Platz frei ist, wird sofort herbei gewunken. Das einzige Problem des sympathischen Festivalchefs: Auch seine Wettbewerbsbeiträge scheint er mit der gleichen Grosszügigkeit herbei zu winken. In den letzten Jahren überschatteten die vielen enttäuschenden Beiträge oft wenig bekannter Filmemacher die wenigen Meisterwerke.

Geradezu gefürchtet ist die Filmkritik

In all seinen Berlinalejahren ist es nie gelungen, eine spezielle künstlerische Vorliebe in seiner Auswahl zu erkennen. Allein das Interesse an der Politik – aus der er schliesslich stammt – zieht sich wie ein inhaltlicher roter Faden durch die Programme. Das hat ihm oft die Aufmerksamkeit grosser Medien gesichert, wo die Politik ja ebenfalls mehr gilt als die Kultur. Am Ende des Tages aber zählt bei einem Filmfestival die künstlerische Qualität mehr als jedes andere Thema. Das Beispiel von Kosslick zeigt, wo die Grenzen der meisten Manager-Direktoren liegen: Wer als ehemaliger Leiter einer Filmförderung das wirtschaftliche Überleben einer Branche garantieren muss, der lernt seine persönlichen Vorlieben zurückzustellen. Genau das aber müssen Kuratoren leisten. Sie müssen erkennen und verteidigen, was gut ist, neu und radikal

Aber solche Kuratoren gibt es kaum. Die deutsche Filmbranche hat im Allgemeinen wenig Interesse an kultureller Vermittlung, und eine seit den Achtziger Jahren zunehmend wirtschaftlich ausgerichtete Förderpolitik gibt ihr recht. Geradezu gefürchtet ist die Filmkritik, aus deren Reihen viele berühmte Festivaldirektoren stammen, legendäre Persönlichkeiten wie Ulrich Gregor, der Begründer des «Internationalen Forums» der Berlinale. Die Filmkultur leidet unter einem immensen Bedeutungsverlust, und die Branche trägt massgeblich die Schuld daran. Doch es wäre ungerecht, Kosslick dafür zum Sündenbock zu machen. Immerhin verdankt die «Berliner Schule», der künstlerische Kern der deutschen Autorenfilmerszene, ihren Ruhm massgeblich der Berlinale: Christian Petzold, dessen neuer Film «Tranist» jetzt im Wettbewerb läuft, hält Kosslick de­monstrativ die Treue. Auch die Cannes-erfahrenen Regisseurinnen Valeska Griesebach («Western») oder Maren Ade («Toni Erdmann») waren zuvor in Berlinale-Wettbewerben vertreten.

Hollywood-Produktionen fast unerreichbar

International jedoch hat die Berlinale viele wichtige Entwicklungen verschlafen; das rumänische Filmwunder ebenso wie die griechische Neue Welle. Und Hollywood-Produktionen scheinen unerreichbar, seit die Oscar-Verleihungen gleich nach dem Festival im März stattfinden. Hollywood wird trotzdem ein Thema sein: Kosslick hat Diskussionen zur «#MeToo»-Debatte angekündigt, die längst auch die deutsche Filmszene erfasst hat.

Wenige Monate vor seinen 70. Geburtstag muss sich Kosslick nun noch einmal beweisen. Und zeigen, dass er nicht nur ein Festivalchef zum Anfassen ist, sondern auch ein Visionär.

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