Platz genug, doch wenig Raum

TANZSZENE ⋅ Viel kreatives Potenzial steckt in den freien Kompanien, die sich in den vergangenen Jahren in St.Gallen etabliert haben. Sie profitieren von wirksamer Förderung und geduldiger Lobbyarbeit für den Tanz.
20. März 2017, 05:36
Bettina Kugler

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Die Geburtstagslaune hält noch an bei Hella Immler und Exequiel Barreras. Im Januar haben die beiden Tänzer fünf Jahre «Rotes Velo» in der Grabenhalle ge­feiert, sich gegenseitig und dem Publikum zum kleinen Jubiläum der 2011 gegründeten Kompanie gratuliert – mit einer Performance voller Lebensfreude und Bewegungslust. «Alles Gueti!» stand als Titel über dem Stück. Das Ausrufezeichen passt zu ihnen; im Wortlaut ist unüberhörbar, dass sie sich in der Ostschweiz angekommen und angenommen fühlen.

Dabei ist das Leben des umtriebigen Tänzerpaars ständig in Bewegung – wie überhaupt die derzeit höchst produktive freie Szene in St.Gallen und Umgebung (siehe Zweittext). Gemeinsam waren Hella Immler und Exequiel Barreras fest engagiert am Theater St.Gallen. Sie verliess die Kompanie 2014 mit Tanzchef Marco Santi und steht seither auf eigenen Füssen: als freie Tänzerin, Produktionsleiterin, Organisatorin des Tanzfestes – und auf einem festen Standbein als Spitalclown. Er blieb nach dem Leitungswechsel am Theater, wird aber zum Ende der Spielzeit aus Beate Vollacks Kompanie ausscheiden. Der Wechsel an ein anderes Haus zeichnet sich ab, ist jedoch noch nicht spruchreif.

Eine neue Richtung für das «Rote Velo»

Das «Rote Velo», gut in Schwung gekommen und vernetzt mit anderen Akteuren der freien Szene, wird weiterlaufen, so viel steht für die beiden fest. Vielleicht wird es auch eine neue Richtung einschlagen. Begonnen hat dieser Prozess bereits: mit einer Namensänderung. Der Tanz fällt künftig weg, weil sie in letzter Zeit verstärkt interdisziplinär arbeiten, neben Profitänzern Schauspieler und Musiker einbeziehen – und Amateure. Das gefällt ihnen an der Arbeit als freischaffende Künstler: die Freiheit, Dinge auszuprobieren, Wagnisse einzugehen und sich vom Vorhandenen inspirieren zu lassen. «Mehr aus der Region hinauszukommen, Kooperationen mit anderen Kompanien anzustossen, wäre schön», sagt Hella Immler.

Fast alle Produktionen haben sie in der Grabenhalle aufgeführt und so dem unter Tänzern früher eher unbeliebten Raum ein neues Image gegeben. Das Publikum ist stetig gewachsen; je grösser das Angebot, desto stärker wird auch die Neugier und Offenheit. Doch auswärtige Künstler haben es oft noch schwer, Zuschauer zu mobilisieren. Dabei hat sich herumgesprochen, dass die Ostschweiz durch wirksame Fördermassnahmen tanzfreundlicher geworden ist – eine Region mit Entwicklungspotenzial.

«Die Konkurrenz ist eher klein; es hätte Platz für mehr», sagt etwa Sebastian Gibas. Auch er und seine Frau Andrea María Méndez Torres haben am Theater St. Gallen getanzt; derzeit arbeiten sie unter anderem als Artists in Residence mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule. Einen Grund für die spürbare Dynamik, mit der die freie Szene in den vergangenen Jahren gewachsen ist, sieht Gibas darin, dass Marco Santi Persönlichkeiten gefördert hat. «Er sagte: ‹Macht was!› und liess auch zu, dass Kompaniemitglieder eigene Projekte verwirklichen.» Etliche seiner ehemaligen Tänzer sind nicht weitergezogen; sie haben hier Fuss gefasst und bereits geknüpfte Kontakte zur Freien Szene ausgebaut. Sie haben Ideen –und Durchhaltevermögen.

Grosse, seriöse Projekte werden verwirklicht

«Die Tänzerinnen und Tänzer sind überaus aktiv», bestätigt Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen. «Das sieht man an der Zahl der Gesuche, die wir bekommen. Das sind Projekte von Künstlerinnen und Künstlern, die sehr seriös arbeiten, Grosses anpacken und dann auch realisieren.» Unterdessen ist die Sparte Tanz auch in der Kulturkommission durch Christine von Mentlen vertreten. Zudem haben engagierte Initiativen den Boden für zeitgenössischen Tanz bereitet. Die IG Tanz hat sich professionalisiert und seit 2011 eine viel genutzte Geschäftsstelle. Das von Gisa Frank mitbegründete, alle zwei Jahre stattfindende Festival Tanzplan Ost fördert den Austausch über die Region hinaus; das jährliche Tanzfest bietet Freien Gelegenheit, dem Publikum entgegenzukommen.

Der Tanz ist auf die Strasse gegangen – und an ungewöhnliche Orte. Dies auch, weil die Lokremise für Freie zu wenig Kapazität hat und zu teuer ist. «Was fehlt, sind Probe- und Aufführungsräume für Stücke, die mehr Platz brauchen», sagen Tobias Spori und Ann Katrin Cooper vom Panorama Dance Theater. Ein Haus mit bezahlbarer Infrastruktur, bespielt von Freien aus der Region und Gästen würden sie sich wünschen. «Alles für jede Produktion immer neu zu organisieren und aufzubauen, ist kräfteraubend und geht auf Kosten der künstlerischen Arbeit.»


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