• Chuck Berry während eines Konzerts in Zürich 2008.
    Chuck Berry während eines Konzerts in Zürich 2008. (WALTER BIERI (KEYSTONE))
20.03.2017 | 06:12

Er war der Rock’n’Roll


NACHRUF ⋅ Mit Chuck Berry ist der Vater der Gitarrenrockmusik mit 90 Jahren gestorben. Er beeinflusste Musiker und Bands bis hin zu den ganz Grossen wie die Beatles oder die Rolling Stones. Glücklich machte ihn die Musik nicht immer. Aber am Ende schon.

Stefan Künzli
Es geschah im Mai 1955 in den Chess Studios von Chicago: Chuck Berry nimmt seinen Song «Maybelline» auf. Nach einer Spielzeit von 1:05 setzt er zu einem Gitarrensolo an. Es dauert nur 25 Sekunden. Trotzdem ist es ein Meilenstein: Es ist das erste grosse Gitarrensolo der Rockgeschichte. So unspektakulär es aus heutiger Sicht klingt, Chuck Berry hat damit das Rock-’n’-Roll-Vokabular für die Gitarre geschaffen. «Mit seinem Spiel, seinen Riffs und Licks definierte er das kleine Einmaleins für jeden, der nach ihm die Gitarre in die Hand nahm, um damit zu rocken», schreibt der Publizist Ernst Hofacker. Chuck Berry war der Vater der Rockgitarre, prägend für Legionen von Rockgitarristen. Der Rhythm and Blues der 40er-Jahre war noch stark von Bläsern geprägt. Chuck Berry hat die Blä­serriffs übersetzt, auf sein Instrument übertragen. Er löste die Gitarre von der Begleitfunktion und etablierte damit die Gitarre als führendes Instrument der Pop- und Rockmusik.

«Johnny B. Goode» und weitere Klassiker
«Maybellene» war eine Adaption des Countrysongs «Ida Red» aus dem Jahr 1938, den Berry mit neuem Text in eine Rock-’n’-Roll-Nummer verwandelte. Er schaffte damit den nationalen Durchbruch. Die Nummer stürmte nicht nur Platz 1 der Rhythm and Blues Charts, sondern auch Platz 5 in der landesweiten US-Pop-Hitparade. Chuck Berry war mit «Maybelline» der erste Afroamerikaner, der mit afroamerikanischer Musik auch die weissen Amerikaner erreichte. Er wurde zum Star und zum begabtesten Songschreiber seiner Zeit. In der Folge komponierte er Hits wie «Sweet Little Sixteen», «Roll Over Beethoven», «Back In The USA», «Rock ’n’ Roll Music» und vor allem «Johnny B. Goode» – einige der grössten Klassiker des Rock ’n’ Roll. «Wenn du Rock ’n’ Roll einen anderen Namen geben willst, nenn ihn einfach Chuck Berry», meinte John Lennon einmal. Chuck Berry war Rock ’n’ Roll und er lebte ihn. Und Bob Dylan meinte bereits in den 60er-Jahren auch zum Texter Berry: «Chuck Berry ist der Shakespeare des Rock ’n’ Roll.»

Lebensnahe Texte und berühmte Posen
Chuck Berry ist in St. Louis als ein Kind des schwarzen Mittelstandes geboren. Literatur, Theater und Bibelzitate gehörten zur geistigen Grundnahrung des Elternhauses. Seine Songlyrics sind denn auch gespickt mit Wortspielereien und erzählen vom Leben, spiegeln die Wirklichkeit und machen auch nicht vor sozialkritischen Inhalten Halt. Etwas, das im amerikanischen Pop der 50er-Jahre eine Rarität war. Insofern sehen einige Kritiker Chuck Berry als einen Vorläufer von Bob Dylan oder Bruce Springsteen. Und Chuck Berry war ein begnadeter ­Entertainer. Berühmt sind seine Rock-’n’-Roll-Posen wie jene mit den ­extrem gespreizten Beinen. Zu seinem Markenzeichen wurde aber der «Duckwalk», ein Showelement, das etwa auch AC/DC-Gitarrist Angus Young in sein Programm aufnahm.

Chuck Berry war einer der populärsten Musiker in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre und revolutionierte die Popkultur. Der grosse Einschnitt folgte 1961 als er wegen der Anstellung einer Minderjährigen für zwei Jahre ins Gefängnis musste. Berry betrachtete seine Verurteilung immer als rassistisch motiviert. Der Musiker, der bisher eine grosse Lebensfreude ausstrahlte, wurde plötzlich misstrauisch und verbittert. 1972 landete er mit «My Ding-A-Ling» zwar noch einmal einen Nr.-1-Hit, aber Chuck Berry erreichte nie mehr die Popularität jener Tage in den 50er-Jahren.

Zeitreisenparadox und Hörprobe für Ausserirdische
Legionen von Rockmusikern wie auch die Beatles und die Stones interpretierten seine Songs und zollten ihm als wichtigen Einfluss Tribut. Einerseits wegen seiner mitreissenden Musik, aber auch wegen seiner rauen, provokativen Texte. So hält etwa Mick Jagger im Rückblick fest: «Seine Texte haben andere überstrahlt und ein merkwürdiges Licht auf den amerikanischen Traum geworfen.»

Besonders frech war der Auftritt von Michael J. Fox mit  «Johnny B. Goode» im Film «Zurück in die Zukunft», wo suggeriert wurde, dass Chuck Berry von diesem Sound via Telefon inspiriert worden sei. Derweil der Filmprotagonist die Nummer logischerweise von Berry kannte – ein typisches Zeitreisenparadox. Apropos futuristisch: «Johnny B. Goode» wurde später als Beispiel der «irdischen Pop-/Rockmusik» Teil der Voyager Golden Records und mit den Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 im Jahr 1977 ins Weltall geschickt. Damit sollten ausserirdische Lebewesen einen Eindruck der menschlichen Kultur erhalten.

Berry selber aber tingelte jahrelang durch die Welt und nudelte seine Songs zuweilen lustlos mit zweit- und drittklassigen Musikern herunter. Erst als er für seine Pionierarbeit gewürdigt wurde, fand er wieder den Frieden. 1985 wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen und ein Jahr später das erste Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame. 2014 wurde er mit dem schwedischen Polar Music Prize ausgezeichnet, dem inoffiziellen Nobelpreis für Musik.

Fast bis zum Ende auf der Bühne und voller Pläne
Chuck Berry ist bis ins hohe  Alter aufgetreten. Bis 2004 auch zusammen mit den anderen Pionieren Jerry Lee Lewis und Little Richard, die beide noch leben. Fast bis zuletzt hat er seinen Abtritt von der Bühne dementiert. «Solange ich noch ein wenig sehe und höre, mich noch ein wenig bewegen kann, mache ich weiter», liess er verlauten. Ein Rock ’n’ Roller gibt nicht so schnell auf.

An seinem 90. Geburtstag im letzten Oktober kündigte Berry die Veröffent­lichung eines neuen Albums mit dem ­Titel «Chuck» für 2017 an. Es wäre das erste Studioalbum seit 39 Jahren geworden. Er wollte es seiner Ehefrau Themetta «Toddy» widmen, mit der er 68 Jahren lang verheiratet war. «Mein Schatz, ich werde alt! Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen!», soll er ihr noch kürzlich gesagt haben. Am Samstagnachmittag Ortszeit wurde er leblos in seinem Haus in der Nähe von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri gefunden. «Rest in ­Peace», Chuck!
 
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