Ein Vater spielt um sein Leben: After the Storm

  • Die Schreibblockade ist Symptom für ein weitaus grösseres Problem des Schriftstellers Ryota Shinoda: seine Spielsucht. Sie ruinierte seine Ehe mit der pragmatischen Kyoko. Seinen 12-jährigen Sohn Shingo sieht er nur noch einmal im Monat.
    Die Schreibblockade ist Symptom für ein weitaus grösseres Problem des Schriftstellers Ryota Shinoda: seine Spielsucht. Sie ruinierte seine Ehe mit der pragmatischen Kyoko. Seinen 12-jährigen Sohn Shingo sieht er nur noch einmal im Monat. (pd)
16.03.2017 | 15:00

FRAME FILMTIP ⋅ Im feinfühligen Familiendrama «After the Storm» zeigt Hirokazu Koreeda die Nöte eines Spielsüchtigen.

Regula Freuler
Was bewegt Sie mehr als alles andere? Bei manchen ist es unerfüllte Sehnsucht, bei anderen das Gerechtigkeitsempfinden, wieder andere fesselt nichts so sehr wie der Traum vom sozialen Aufstieg.

Hirokazu Koreedas grosses Thema sind die Leerstellen in einer Familie, die jemand hinterlässt, wenn er stirbt oder auf andere Weise verschwindet, und die ein anderer dann füllen muss. Das kann jäh geschehen oder subtil nach und nach, so wie bei der Familie Shinoda, von der Koreedas neuster Film, «After the Storm», handelt. Ryota Shinoda (Hiroshi Abe), ein Mann mittleren Alters, ist Schriftsteller.

Sein letzter Roman, für den er einen Preis gewonnen hat, liegt allerdings 15 Jahre zurück. Weil es mit dem neuen Buch nicht vorangeht, arbeitet er teilzeitlich als Privatdetektiv.

Doch seine Schreibblockade ist Symptom für ein weitaus grösseres Problem: seine Spielsucht. Sie ruinierte seine Ehe mit der pragmatischen Kyoko (Yoko Maki). Seinen 12-jährigen Sohn Shingo sieht er nur noch einmal im Monat. Das Einzige, was im apathisch wirkenden Ryota Leidenschaft entfacht, sind jene Momente an der Radrennbahn, in der PachinkoSpielhölle oder am Lottostand.

Der Film beginnt mit einem Gespräch zwischen Ryotas Mutter Yoshiko (Kirin Kiki) und seiner Schwester, während im Hintergrund ein Eintopf blubbert. Ryotas Vater ist vor kurzem gestorben, und die Mutter zeigt sich unverhohlen erleichtert darüber. Seinetwegen muss sie in Kiyose unweit von Tokio in einer Siedlung für günstiges Wohnen leben – wo übrigens auch der Regisseur selbst aufgewachsen ist. Von seinem Vater hat Ryota sein Laster, die Spielsucht, geerbt.

Der eine Vater ist weg, der andere ein Versager. Was nun mit diesen beiden Leerstellen passiert, davon erzählt Hirokazu Koreeda in unaufgeregten Szenen. Der Soundtrack des Folk-Musikers Hanaregumi verleiht der an sich schmerzhaften Geschichte eine überraschend leichte, ja beinahe zu heitere Note.

Der 54-jährige japanische Regisseur hat Verschiebungen im familiären Gefüge schon in seinen früheren Filmen nachgezeichnet: In seinem Spielfilmerstling «Maboroshi» trauert eine Witwe um ihren Mann, der möglicherweise Suizid begangen hat. In «Nobody Knows» verschwindet eine alleinerziehende Mutter und lässt ihre vier Kinder in der Wohnung zurück. In «Like Father, Like Son» erfahren zwei Familien, dass ihre sechsjährigen Söhne bei der Geburt vertauscht worden sind. Auch was die Besetzung der Hauptrollen mit Hiroshi Abe, Yoko Maki und Kirin Kiki angeht, findet man sich inmitten der vertrauten Koreedaschen Filmfamilie wieder.

Der Regisseur hat als Kind die Auswirkungen einer Leerstelle in der Familie selber erlebt: Sein Vater führte nicht das klassische japanische Arbeiterleben, sondern tat sich schwer, Geld zu verdienen. War er betrunken, erzählte er seinen Kindern von den Schrecken des sibirischen Arbeitslagers, wo er als Soldat der Kwantung-Armee ab 1945 gefangen gehalten war. Oft musste Koreedas Mutter das Geld verdienen gehen. Er und seine Schwestern wuchsen daher mit Tiefkühl-Essen auf und verbrachten viel Zeit vor dem Fernseher. Von dort rührt Koreedas Liebe zum Film her.

Der Originaltitel von «After the Storm» lautet «Umi yori mada fukaku». Es handelt sich um ein Zitat aus einem Lied der taiwanischen Sängerin Teresa Teng und heisst «Tiefer als das Meer». Koreeda bezieht das auf die Verbundenheit, die man als Familie – Widrigkeiten zum Trotz – erlebt. So ist Ryota zwar ein unverbesserlicher Süchtiger. Dennoch instrumentalisiert Koreeda ihn nicht, um zu moralisieren. Ryota führt, wie viele Süchtige, ein halbwegs geordnetes Leben: chronischer Geldmangel, sich selbst vernachlässigend, aber fern genug vom Absturz. «Ich bin noch nicht der, der ich werden wollte», sagt er einmal und klingt dabei nicht viel anders als ein Vertreter der westlichen Generation unentschlossen.

Bei einem der seltenen Wochenenden, an denen Ryota seinen Sohn sehen darf, kommt ein Taifun auf; die getrennte Familie sieht sich gezwungen, in der Wohnung von Ryotas Mutter zu übernachten. Nachts versucht Ryota, Kyoko zurückzugewinnen, doch es ist zu spät. «Wenn du ein guter Vater sein willst, warum hast du es dann nicht früher versucht?», fragt sie. Er weiss keine Antwort.

Die Hoffnung konzentriert sich in Shingo, der von den Eltern ihre jeweiligen guten Eigenschaften geerbt hat: den Durchhaltewillen von der Mutter, die Sensibilität vom Vater. Als sich der Taifun nachts ausgiesst, nimmt Ryota seinen Sohn mit auf den Spielplatz. Da sitzen sie, vor dem Regen geschützt, im krakenförmigen Kletter- und Krabbel-Gebilde. Doch wer glaubt, Koreeda verwende den Taifun als Metapher für einen kathartischen Konflikt oder um eine dramaturgische Wende zu vollführen, täuscht sich. Lücken im familiären Gefüge schliessen sich nicht über Nacht. «Ein Eintopf braucht Zeit, damit der Geschmack sich entfaltet – Menschen auch», sagt Ryotas Mutter einmal.

Wie einst Ryota, so hat auch Shingo den Berufswunsch, Staatsangestellter zu werden. Er zeigt schon beim Baseball, dass er nicht gern auf Risiko spielt. Lotto interessiert ihn nicht. Wie der Vater, so eben nicht immer der Sohn.
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