Der Mann, der niemals lachte

  • Buster Keaton: Eine stoische Miene, die aber vielsagend sein konnte.
    Buster Keaton: Eine stoische Miene, die aber vielsagend sein konnte. (Bild: John Springer Collection/Getty)
23.04.2017 | 09:48

STUMMFILM ⋅ Am 23. April 1917 war Buster Keaton erstmals auf der Leinwand zu sehen. Mit steinerner Miene und Körperbeherrschung erzählte er in seinen Filmen von der Zumutung, ein moderner Mensch zu sein.

Olaf Neumann, Sabine Göttel

Olaf Neumann, Sabine Göttel

 

Was nach einem Kindheitstraum aussieht, war für Joseph Francis Keaton – geboren am 4. Oktober 1895 in Kansas/USA – harte Realität: Bereits als Dreijähriger steht er mit seinen Eltern auf der Bühne eines Variétés und begeistert die Zuschauer mit halsbrecherischer Akrobatik.

Nachdem ihr Sohn einen Sturz von der Treppe unbeschadet überstanden hat, wittern Joseph und Myra Keaton die Chance, ihr in die Jahre gekommenes Strassentheater durch den robusten «Buster» (etwa: harter Bursche) aufzuwerten. In einer Nummer zu «Kindererziehung» wird er vom Vater brutal geschlagen und wie ein Gegenstand ins Publikum geschleudert. Die Zuschauer sind begeistert; The Three Keatons schaffen es bis auf die Bühnen New Yorks. Doch wegen des Vorwurfs der Kindesmisshandlung haben die Keatons von 1907 bis 1909 im Staat New York Auftrittsverbot. Den kleineren Geschwistern Harry und Louise bleibt daraufhin ein ähnliches Bühnenschicksal erspart.

Markenzeichen gleich im ersten Film

1917 führt der Alkoholismus des Vaters zur Auflösung der Three Keatons – es ist der Startschuss für Busters Eintritt in die Welt des Films. Über einen Freund lernt der 22-Jährige den Komiker Roscoe «Fatty» Arbuckle kennen – neben Charles Chaplin eine Berühmtheit in der noch jungen Branche. Mit Arbuckle dreht er seinen ersten Film «The Butcher Boy». Bereits darin fällt Buster Keaton mit seinen späteren Markenzeichen auf: stoische Miene und Porkpie-Hut auf dem Kopf. Bis zu seiner Einberufung 1918 dreht er mit Arbuckle und Komiker Al St. John als Slapstick-Trio weitere erfolgreiche Filme. Zurück vom Militärdienst an der französischen Front, schlägt Keaton attraktive Angebote aus, um weiter mit Arbuckle zu arbeiten.

Mit dem Angebot des neuen Filmstudios Metro im Rücken (später Teil von Metro-Goldwyn-Mayer), den Vertrieb seiner Filme zu übernehmen, macht sich Buster Keaton 1920 selbstständig. Er dreht fortan Filme im eigenen Studio (Buster Keaton Comedies) und unter eigener Regie. Zahlreiche Kurz- und Langfilme entstehen. Sie erzählen vom Kampf gegen Naturgewalten und von der Unbill des modernen Alltags, wie etwa «One Week» (Flitterwochen im Fertighaus) – einem Klassiker der Stummfilmkomödie. Darin versucht ein Pärchen vergeblich, sich nach Anleitung ein Haus aus gelieferten Einzelteilen zu bauen. Kultig sind bis heute «Cops» (1922) und «Go West» (1925). In ersterem wird Buster von einer Hundertschaft Polizisten, im zweiten von einer Herde wildgewordener Bullen verfolgt. Auch seinen Vater reaktiviert er als Schauspieler; zeit seines Lebens nimmt er ihn gegen Anschuldigungen in Schutz. In der Südstaatenkomödie «Our Hospitality» spielt Joe Keaton an der Seite von Busters damaliger Ehefrau Natalie Talmadge und dem gemeinsamen einjährigen Sohn Joseph. Als 1924 «The Navigator» in die Kinos kommt und kommerziell äusserst erfolgreich wird, scheint Buster Keaton auf dem Gipfel seines Ruhms angelangt. Er ist nun genauso populär wie die beiden anderen Grossen seiner Zunft: Charlie Chaplin und Harold Lloyd.

Keatons Erfolg gründet auch darauf, dass er in seinen Filmen perfektioniert, was er seit Kindertagen gut beherrscht: waghalsige Stunts, die den Zuschauern den Atem verschlagen und die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuheben scheinen. Nicht selten bringen ihn die Dreharbeiten in Lebensgefahr. In «Our Hospitality» ertrinkt er fast bei einer Szene an einem Wasserfall; in der Krimiparodie «Sherlock Jr.» (1924) wird er bei einer Verfolgungsjagd mit dem Kopf gegen Bahngleise geschleudert. Danach hat er zwar schlimme Schmerzen, arbeitet aber tapfer weiter. Erst Jahre später wird der Bruch eines Nackenwirbels dia­gnostiziert. Überleben in der Wildnis des modernen Lebens – auch davon erzählt Buster Keaton in seinen melancholischen Komödien. 1930 schreibt die deutsche Schriftstellerin Marieluise Fleisser über den Star: «Bei Buster gibt es nur Situationen und eine Begabung, damit fertig zu werden ... Begabt ist, wen der fegende Atem der Weltstädte eben noch nicht umbringt.»

Seine Kunst brauchte das Wort nicht

Die Einführung des Tonfilms stellt für viele Stummfilmstars eine grosse Herausforderung dar. Manche bewältigen sie mit Bravour (etwa Stan Laurel und Oliver Hardy), für manche bedeutet er das Ende. Auch Buster Keaton tut sich schwer mit diesem filmhistorischen Urknall. Seine ganz auf Mimik und Körperlichkeit gegründete Kunst braucht das Wort nicht als Mittel der Darstellung. Er kann sich nicht neu erfinden: Sein erster Tonfilm floppt. 1930 tourt Keaton noch erfolgreich in Deutschland; danach bestimmen Misserfolge und Krisen sein Leben. Er muss Scheidungen, Entziehungskuren und wenig beachtete Filme verkraften. Buster Keaton arbeitet als Drehbuchautor und Nebendarsteller, bis er 1950 in «Boulevard der Dämmerung» von Billy Wilder neben Stummfilmkollegen wie Gloria Swanson endlich wieder bejubelt wird. Auch auf seinen anschliessenden Europatourneen feiert ihn das Publikum enthusiastisch.

Die Fünfzigerjahre sehen den einstigen Weltstar als Zirkusartisten, Gagschreiber und Werbeikone. Mit Charlie Chaplin steht er ein einziges Mal gemeinsam vor der Kamera: 1952 in «Limelight» (Rampenlicht). 1959 erhält er den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk. Seine letzte Rolle spielt er im Filmmusical «Toll trieben es die alten Römer». Kurz vor der Premiere stirbt Buster Keaton am 1. Februar 1966 in Woodland Hills, Kalifornien.

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