Boxen, Essen und die Revolution

Der Verein Pantalla Latina (Latino-Leinwand) veranstaltet ab morgen zum zweitenmal eine Filmreihe mit neuen cineastischen Leckerbissen aus Lateinamerika. Im Gegensatz zu 2009 werden dieses Jahr im Kino Corso ausschliesslich Filme präsentiert, die noch nicht im Kino zu sehen waren.
17.11.2010 | 01:03
geri krebs

Letztes Jahr um die gleiche Zeit präsentierte der 2008 gegründete Verein Pantalla Latina erstmals eine Reihe mit 12 lateinamerikanischen Spielfilmen sowie Kurzfilmen im Kino Corso. Schon damals nannte man sich stolz und ohne falsche Bescheidenheit «Das lateinamerikanische Filmfestival in St. Gallen». Das Spielfilmprogramm bestand noch grösstenteils aus Werken, die bereits im Kino gelaufen waren.

«Es war ein Versuch, es war ja alles neu für uns, und wir konnten kein zu grosses Risiko eingehen», sagt die Programmverantwortliche Marta Alvarez im Gespräch. Und sie weist darauf hin, dass schon in jener ersten Ausgabe ein Kurzfilmwettbewerb stattfand, der einen mit 2000 Franken dotierten Publikumspreis für den besten Kurzfilm beinhaltete.

Diesen Preis gibt es auch dieses Jahr – und er scheint sich herumgesprochen zu haben. Die Veranstalter konnten nun aus nicht weniger als 200 eingereichten Kurzfilmen 16 für das diesjährige Programm auswählen. Sie werden am Freitagabend in den Originalformaten (und nicht wie 2009 auf DVD) gezeigt.

Bei den Spiel- und Dokumentarfilmen ist man dieses Jahr risikobereiter geworden. Sämtliche 15 Beiträge stammen aus den Jahren 2009 und 2010 – noch keiner von ihnen lief in der Deutschschweiz im Kino.

Sichere Publikumslieblinge

Nur an Festivals wie Fribourg, Thusis oder Genf waren einige der nun in St. Gallen projizierten Filme bereits zu sehen. Zu ihnen gehört etwa der Eröffnungsfilm «La Yuma», eine Produktion aus Nicaragua, die den Werdegang einer jungen Slumbewohnerin erzählt, die sich buchstäblich aus der Marginalität herausboxt. Der Spielfilm der in Nicaragua lebenden Französin Florence Jauguey zeigt, wie in einer traditionellen Gesellschaft sich eine Frau den Traum erfüllt, Boxerin zu werden. «La Yuma», der nächsten Frühling als erster nicaraguanischer Film überhaupt in die Schweizer Kinos kommen wird, dürfte sicher einer der Publikumslieblinge werden. Ähnliches gilt für «De ollas y sueños» aus Peru, einen äusserst appetitanregenden Dokumentarfilm des Regisseurs Ernesto Cabellos Damián. Dieser feiert so bildstark wie herzerwärmend die verbindende Kraft der peruanischen Küche – die dann am Samstag auch im Foyer des Kino Corso genossen werden kann.

Preisträger extra untertitelt

Im vergangenen Jahr gewann «De ollas y sueños» beim Festival Filmar en America Latina in Genf (mit dem «Pantalla Latina» zusammenarbeitet) den Publikumspreis, nachdem er bereits auf einem halben Dutzend Festivals in Nord- und Südamerika sowie in Spanien Preise abgeholt hatte. Diese Erfolge bewogen die Veranstalter, den Film eigens für ihr Festival mit deutschen Untertiteln zu versehen. Dies auch in der Hoffnung, der charmante Film möge einen Kinoverleih in der Schweiz finden. Auch der Abschlussfilm des Festivals, «Los viajes del viento» des Kolumbianers Ciro Guerra, ein surreal angehauchtes, musikalisches Roadmovie durch einige der spektakulärsten Landschaften Kolumbiens, ist ein Werk, das Potenzial für ein breites Publikum hätte – und dennoch in der Schweiz ohne Kinoverleih ist.

Mexikanische Revolution

Einer der inhaltlich interessantesten Beiträge des Festivals ist der mexikanische Kompilationsfilm «Revolución», dessen Weltpremiere vergangenen Februar an der Berlinale stattfand, der aber in Mexiko noch nicht in den Kinos zu sehen war. Die Premiere dieses Werks, für das zehn renommierte mexikanische Regisseure je einen Kurzfilm zur Bedeutung der mexikanischen Revolution beigesteuert haben, findet in Mexiko und in St. Gallen just an jenem Tag statt, da sich dieses einschneidende Ereignis zum hundertsten Mal jährt. Stolz verweisen die Veranstalter denn auch auf dieses zeitliche Zusammentreffen. Unter den Regisseuren, die sich für «Revolución» versammelt haben, finden sich so bekannte Namen wie Carlos Reygadas, Mariana Chenillo oder Rodrigo Plá. Deren letzte Spielfilme waren erfolgreich auch in St. Gallen im Kino zu sehen gewesen – was doch ein schöner Beweis dafür ist, dass «Pantalla Latina» keineswegs ein Anlass für Spezialisten ist.

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