Erdogan wirbt an Gedenkfeier für Todesstrafe

  • Im Gedenken an die rund 250 Menschen, die beim Putschversuch in der Türkei 2016 starben: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine Frau vor dem Parlament in Ankara.
    Im Gedenken an die rund 250 Menschen, die beim Putschversuch in der Türkei 2016 starben: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine Frau vor dem Parlament in Ankara. (KEYSTONE/AP Presidency Press Service)
15.07.2017 | 07:31

TÜRKEI ⋅ Ein Jahr nach dem gescheiterten Militärputsch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Gnade für die Verantwortlichen ausgeschlossen: "Wir werden diesen Verrätern den Kopf abreissen." Er liess sich vor hunderttausenden Anhängern in Istanbul und Ankara feiern.

Die Türkei beging am Samstag und in der Nacht auf Sonntag mit einer Reihe von Gedenkfeiern und Kundgebungen den ersten Jahrestag des gescheiterten Militärputsches gegen Erdogan. Hunderttausende Menschen folgten dem Aufruf der Regierung, sich auf einer Bosporus-Brücke in Istanbul zu versammeln, wo sich Putschisten und ihre Gegner vor einem Jahr blutige Kämpfe geliefert hatten.

Erdogan erneuerte sein Plädoyer für eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Dabei warte er auf eine Entscheidung des Parlaments, sagte der Staatschef. "Wenn die Vorlage aus dem Parlament zu mir kommt, werde ich sie unterzeichnen." Er glaube auch daran, dass sie vom Parlament verabschiedet werde.

Viele der Zuhörer skandierten Parolen für die Todesstrafe; manche trugen Schlingen mit sich, um ihr Anliegen zu illustrieren. "Wir sind Tayyips Soldaten!", skandierte die Menge in Sprechchören.

Gebete in 90'000 Moscheen

Später trat Erdogan erneut vor tausenden Anhängern vor dem Parlament in Ankara auf - in Erinnerung an den Zeitpunkt, an dem es vor einem Jahr von den Putschisten bombardiert worden war. Das Land habe damals "der ganzen Welt gezeigt, was für ein Volk wird sind", sagte er. Nur mit einer Fahne und dem Glauben bewaffnet habe es sich den Panzern entgegengestellt.

In 90'000 Moscheen des Landes wurde derweil mit Gebeten der 249 Opfer der Putschisten gedacht.

Erdogan äusserte sich in seiner Rede voller Abscheu über die Putschisten. Er schlug vor, sie in Häftlingsuniformen nach dem Vorbild der berüchtigten orangefarbenen Overalls im US-Gefangenenlager Guantanamo zu stecken.

Opposition fordert Aufklärung

Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu warf der Regierung hingegen vor, unter dem Vorwand der Putschistenverfolgung die Rechtsstaatlichkeit auszuhöhlen und ihre Gegner auszuschalten. Gleichzeitig forderte er eine vollständige Aufklärung der Hintergründen des Putsches und der Rolle der Behörden.

Am Abend des 15. Juli 2016 hatte eine Gruppe Militärs versucht, die Macht in der Türkei an sich zu reissen. Sie besetzten Strassen und Brücken und bombardierten das Parlament und den Präsidentenpalast, doch scheiterte der Umsturzversuch am Widerstand der Bevölkerung.

Erdogans Regierung macht den islamischen Prediger Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich. Der in den USA lebende Geistliche bestreitet jede Verwicklung.

Nach der Niederschlagung des Putschversuchs hatte die Regierung mit aller Härte gegen ihre Kritiker und politischen Gegner durchgegriffen. Mehr als 50'000 Menschen wurden inhaftiert, mehr als 100'000 Staatsbedienstete entlassen oder vom Dienst suspendiert. Betroffen sind neben tausenden Militärs, Polizisten, Staatsanwälten und Richtern auch kurdische Oppositionelle, kritische Journalisten und unabhängige Wissenschaftler. (sda/dpa/afp)

Kommentare
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geschrieben am 15.07.2017 23:45 | von Willi Frischknecht

Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan selber im Hintergrund die Fäden gezogen hat.

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geschrieben am 16.07.2017 09:44 | von Michele Vellini

Weil er wenige Stunden nach dem Putschversuch bereits Listen mit zehntausenden von Verrätern hatte und alle ins Gefängnis werfen liess. Politiker anderer Parteien, Journalisten, Lehrer, Professoren, einfach alle, die Erdogan nicht lieben. Erdogan will aber von allen geliebt werden, denn alles andere nagt zu sehr an seinem kümmerlichen Selbstwertgefühl und das mögen psychisch kranke Narzissten wie er einer ist überhaupt nicht.

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geschrieben am 16.07.2017 13:58 | von lieselotte schiesser

Er hat sich ja 2013 mit seinem zuvor guten Freund Gülen verkracht und fürchtet seither dessen Machtansprüche. Da er zudem vor 2013 viele Gülen-Leute selbst auf Richter-, Polizei-, Lehrerstellen etc. berufen hatte bzw. hatte berufen lassen (die AKP hatte lange Zeit zu wenig eigene Leute für solche Stellen), bestanden die Listen längst. Er musste sie nur noch aus der Schublade holen und gegen seine vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner zu Felde zu ziehen. Als sozialer Aufsteiger wird Erdogan den alten Eliten gegenüber a) einen Minderwertigkeitskomplex bekämpfen und b) den Gefürchteten gerne das Licht ausblasen wollen - im übertragenen und im wörtlichen Sinn.

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geschrieben am 16.07.2017 16:38 | von Zbigniew Frank

mit den Richtern, Journalisten, Lehrern passiert das Ähnliche gerade in Polen. In Mitte Europas. Erdogan verlangt wieder Todesstrafe. USA haben sie und tun sie anwenden.

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geschrieben am 16.07.2017 13:55 | von Boris Kerzenmacher

R. Erdogan ist nur der Ausdruck eines tief sitzendes Problems der Türkei. Die türkische Zivilgesellschaft ist klein. Menschen, die wie R. Erdogan denken, antiwestlich, antipluralistisch, autoritär-islamisch sind hingegen sehr zahlreich. Auf dieser Basis haben Demokratie und Pluralismus in der Türkei keinen ernstzunehmenden Verteidiger vor Angriffen durch R. Erdogan, der aus dem einst säkulär orientierten Staat einen islamischen Staat machen möchte. Immerhin hat eine Türkei, in der Menschen wie R. Erdogan mehrheitsfähig sind, keine ernstzunehmende Perspektive auf eine EU-Mitgliedschaft.

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geschrieben am 16.07.2017 19:29 | von Martin Halasz

Die Fäden hat er wohl nicht gezogen aber als es losging, wusste er ganz genau was abging und es gelang ihm dadurch auch, als den grossen Sieger dazustehen. Die Gülem-Bewegung ebnete ihm ursprünglich den Weg für seine Macht. Ideologisch sind sich Gülem und Erdogan sehr ähnlich. Aber als sich die Gülem-Staatsanwälte erdreisten, gegen Erdogans Gefolge zu ermitteln, überwarf er sich mit ihnen (2013). Mit dem gescheiterten Putsch konnte Erdogan innenpolitisch als der grosse Staatsretter auftreten und sich entgültig seine Macht festigen.

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