EXIL

«Schweiz darf nicht stumm sein»

Die Schikanen gegen Journalisten in der Türkei haben im letzten Jahr massiv zugenommen. Rüstü Demirakaya und Serkan Demirel hatten schon vorher mit Repressionen zu kämpfen. Heute leben sie in der Schweiz.
15.07.2017 | 05:18
Isabelle Daniel

Isabelle Daniel

«Keine Zugeständnisse, wenn es um die Wahrheit geht»: So lautete der Slogan von Dicle Haber Ajansi (Diha), jener kurdischen Nachrichtenagentur, für die Rüstü Demirkaya und Serkan Demirel in ihrer türkischen Heimat gearbeitet hatten, bevor sie als politische Flüchtlinge in die Schweiz kamen. Lange galt Diha als Gegengewicht zur staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. Heute gibt es Diha nicht mehr. Das kurdische Medium fiel, wie Hunderte weiterer Medien, den politischen Säuberungen zum Opfer, die die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan seit dem gescheiterten Militärputsch am 15. Juli 2016 vornimmt. In einem Dekret, das die Schliessung von insgesamt 15, hauptsächlich kurdischen Medien vorsah, wurde auch Diha im vergangenen Oktober verboten.

Mit Repressionen für regierungskritische Journalisten hatten Rüstü Demirkaya und Serkan Demirel zu diesem Zeitpunkt schon lange zu kämpfen. «Die Wahrheit zu schreiben, war in der Türkei schon immer gefährlich», sagt Serkan Demirel. Der heute 30-Jährige absolvierte ein Praktikum bei Diha, als er 2008 zum ersten Mal wegen seiner Arbeit festgenommen wurde. Zu den Festnahmen kam es fortan regelmässig, schliesslich wurde er zu einer Haftstrafe von elf Monaten verurteilt. «Für das Gefängnispersonal war ich ein Verräter. Ständig fragten sie mich, warum ich als Türke für ein kurdisches Medium arbeite», sagt Demirel.

«Die Gefahr lauerte vor der Tür – für alle»

Bereits als Kind habe er verstanden, dass die kurdische Bevölkerung in der Türkei unterdrückt werde, sagt Demirel. Während seiner Schulzeit in Igde, unweit der kurdischen Metropole Gaziantep, habe er erlebt, dass kurdische Mitschüler von den Lehrern geschlagen worden seien, weil sie kein Türkisch sprachen. «Sie konnten nur Kurdisch, aber das zu sprechen, war auf dem Schulgelände verboten – sogar den Kindern», sagt Demirel, dem die Empörung darüber bis heute anzumerken ist. Später, an der Uni im osttürkischen Elazig, sei ihm klar geworden, dass er nur bei einem kurdischen Medium unabhängig arbeiten könne.

«Auch jene Oppositionellen, die seit dem Putschversuch von Erdogan verfolgt werden, haben die Augen verschlossen vor den Verbrechen an den Kurden und vor den Repressalien für uns kurdische und prokurdische Journalisten», sagt Demirel. Dabei hätten er und seine Kollegen immer gewarnt: «Die Gefahr lauert vor der Tür – für alle.»

Wegen Terrorpropaganda verurteilt

Über die Menschenrechtsverletzungen an der kurdischen Bevölkerung schrieb Demirel auch bevor es im Jahr 2013 zu seiner Flucht kam, über deren Details er nicht sprechen möchte. Sie folgte auf das Urteil eines Gerichts, das ihn mit 12 Jahren und 6 Monaten Gefängnis bestrafte. Der Vorwurf: Terrorpropaganda. Diesen Vorwurf weist Demirel vehement von sich. «Wir haben gesehen, dass in Cizre Zivilisten in ihren Häusern verbrannt wurden. Die Regierung aber behauptete, bei den Opfern habe es sich um Terroristen gehandelt.»

Rüstü Demirkayas Schwester starb auf diese Weise. Deren sterbliche Überreste brachte Demirkaya mit in die Schweiz, um sie in der Uniklinik Lausanne untersuchen zu lassen. «Wir wollten wissen, ob sie noch gelebt hat, als sie verbrannt ist», sagt Demirkaya. Am Ende konnten die Pathologen keine definitive Antwort geben.

Demirkaya ist 33, aber er sieht älter aus. Er spricht leise, fast bedächtig, aber mit grosser Bestimmtheit. Demirkaya war erst 18, als er begann als Journalist zu arbeiten. Bei Diha leitete er zuletzt das Politikressort. In seiner journalistischen Karriere habe es «eine Kette von Festnahmen» und Schikanen gegeben, erzählt er. Im Jahr 2012 verurteilte ein Gericht ihn zu einer 12-jährigen Haftstrafe, der er durch sein Asylgesuch in der schweizerischen Botschaft in Ankara entgehen konnte. Der Weg führte ihn von Winterthur nach Biel, wo er heute lebt – ebenso wie Demirel.

Der Preis, den kurdische und türkische Geflüchtete für ihr politisches Asyl in der Schweiz zahlen, ist hoch. «Wir können unsere Familien nicht besuchen und sie uns auch nicht», sagt Demirel. Zu gross ist die Angst, dass die Angehörigen, zurück in der Türkei, ihrerseits verhaftet würden. «Einmal in der Woche steht die Polizei vor dem Haus meiner Eltern und fragt sie, wo ihr Sohn ist. Dabei wissen die Behörden es genau: Ich arbeite als Journalist, jeder kann das sehen.»

Die Medien, für die Demirel und Demirkaya von der Schweiz aus arbeiten, die Nachrichtenagentur Firatnews und das Fernseh- und Online-Medium Arti-Gercek, sind für ihre Berichterstattung mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden, ihre Reporter in der Türkei arbeiten unter massivem Druck. Zugleich gilt Firatnews, für die Demirel arbeitet, als PKK-nah. Auf Fragen nach ihrem Verhältnis zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans, reagieren Demirel und Demirkaya distanziert bis gereizt. «Wir sind journalistisch aktiv, nicht politisch», betont Demirkaya und ärgert sich: «Immer wird gefragt: Ist die PKK eine Terrororganisation? Keiner fragt: Wie kam es überhaupt zu ihrer Entstehung?»

Kritik an Waffenlieferungen in die Türkei

Einschüchterungsversuche in der Schweiz haben Demirkaya und Demirel bislang nicht erlebt. Die Spionagevorwürfe, die gegen türkische Staatsbürger in der Schweiz nach einem Vorfall bei einer Rede des türkischen Exiljournalisten Can Dündar in Zürich sowie gegen einen Basler Polizisten laut geworden sind, verfolgen die beiden Journalisten jedoch genau. «Das Strafverfahren der Bundesanwaltschaft in diesem Zusammenhang ist sehr, sehr wichtig», sagt Demirkaya. Beide verlangen von der Schweiz, sich stärker gegen die autokratische Entwicklung in der Türkei und für die kurdische Minderheit einzusetzen. In der Neutralität der Schweiz gäbe es «dunkle Flecken»; dass die Schweiz Waffen an die Türkei liefere, mit denen diese auch gegen die kurdische Zivilbevölkerung kämpfe, sei ein Skandal, sagt Demirel. Der demokratische Charakter der Schweiz sei eine Inspiration, sagt Demirkaya. «Aber dass ein Land mit der Geschichte der Schweiz stumm bleibt gegenüber Erdogan und seinem Versuch, eine Alleinherrschaft zu installieren, kann ich nicht verstehen», sagt Demirkaya.

«Ich werde den Rest meines Lebens hier verbringen», sagt Demirkaya. Es ist eine Feststellung, in seiner Stimme ist kein Hauch von Bitterkeit zu hören. Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat sei zwar da, sagt Demirel, «wir sind aber realistisch. Für uns persönlich gibt es diese Zukunft nicht.» Als Opfer wollen sich aber weder Demirel noch Demirkaya bezeichnen. «Wir sind im Exil, weil wir für die Wahrheit gekämpft haben. Darauf sind wir sehr stolz.»

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