Der Handlanger bleibt lieber daheim

Sonntagsgericht

08.04.2018 | 05:17
Thomas Wunderlin

So geht eine Verhandlung schnell. Die Staatsanwältin und der Pflichtverteidiger haben zuvor das Urteil ausgehandelt. Das Bezirksgericht Frauenfeld muss es nur noch absegnen. Da es den ­angeklagten 41-jährigen Albaner von der Verhandlung dispensiert hat, geht es noch schneller. Denn nun kann man ihn nicht fragen, ob er damit einverstanden ist, was sein Verteidiger für ihn abgemacht hat. So kommt es, dass Staatsanwältin, Verteidiger und Berichterstatter nach zwei Minuten vor die Tür geschickt werden und eine halbe Stunde später – nach der formellen Urteilsverkündigung – heimgehen.

Laut seinem Verteidiger lebt der Albaner von Gelegenheitsjobs. Am 5. November 2017 stieg der schlanke, mittelgrosse Mann, der auf einem Polizeifoto eine Millimeterfrisur trägt, nachts um zwei Uhr in Zürich aus einem Bus. Angeblich wollte er in der Schweiz Arbeit suchen. Faktisch kam er als Handlanger einer Drogenbande. Ein Mittelsmann schickte ihn zu einem Schweizer in Frauenfeld-Ost, bei dem er übernachtete. Am Tag darauf übernahm er von einem weiteren Mittelsmann 100 Gramm Heroin, 30 Gramm Kokain, Streckmittel und diverse Dinge, wie sie ein Drogenhändler so braucht, nämlich Minigrips, Waage und Mundschutz. Er mischte das Streckmittel in das bereits gestreckte Heroin und verkaufte einen Teil am nächsten Tag einem Drogensüchtigen, worauf der Albaner gleich in der Frauenfelder Wohnung verhaftet wurde. Offensichtlich war die Polizei dem Drogenring schon länger auf der Spur. Seine Anweisungen habe er von einem Unbekannten namens Toni erhalten, sagte der Albaner während der Untersuchung. Zwei Tage vor Weihnachten kam er wieder frei.

Laut Anklage hatte er 48 Gramm reines Heroin aufbewahrt. Gemäss dem massgebenden Kommentar zum Betäubungsmittelgesetz ergibt das 19 Monate Gefängnis. So lautet auch das Urteil. Zwar müssten weitere 7 Monate für die 21 Gramm reines Kokain draufgeschlagen werden. Doch das wird unter anderem dadurch aufgewogen, dass der Albaner in der Schweiz nicht vorbestraft ist.

Die genaue Länge des Freiheitsentzugs dürfte ihm egal sein, denn er wird bedingt erlassen. Auch die Untersuchungs-, Gerichts- und Anwaltskosten von rund 11000 Franken wird er nicht bezahlen. Am ehesten spüren wird er die achtjährige Landesverweisung, die mit dem Urteil verbunden ist. Aufgrund der 2010 angenommenen Ausschaffungsinitiative wird ein Drogenhändler zwischen fünf und fünfzehn Jahren des Landes verwiesen. Zwar hat der Albaner keine Beziehungen zur Schweiz; seine Frau und die restliche Familie leben nicht hier. Er wird aber Mühe haben, in ein Schengenland einzureisen, da die Landesverweisung im Schengener Informationssystem ausgeschrieben wird. Schon seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft darf er nicht mehr in die Schweiz einreisen. Das Gericht hätte ihm eine Sonderbewilligung erteilt, wenn er an der Verhandlung hätte teilnehmen wollen. Doch darauf verzichtete er gern. Nach 45 Tagen Untersuchungshaft hatte er genug von der Schweiz.

Thomas Wunderlin

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