SONNTAGSGERICHT

Dem Reiz der verbotenen Bilder erlegen

11.02.2018 | 00:00
Thomas Wunderlin

Der Angeklagte wirkt entspannt. Fast gelangweilt bestätigt der schlanke 34-jährige Bartträger die Vorwürfe, die ihm die Weinfelder Bezirksrichterin aus der Anklageschrift vorliest. Bei der Übersetzung in die Mundart tut sie sich schwer damit, die richtigen Worte zu finden. Denn es geht um die juristisch korrekte Beschreibung der kinderpornografischen Bilder und Videos, die auf dem Computer des Angeklagten gefunden wurden.

Zwischen Sommer 2015 und Januar 2017 hatte er alle ein bis drei Monate im Hause seines Vaters, mit dem er zusammen wohnt, Daten mit einem Umfang von vier bis fünf Gigabyte von Bildern offensichtlich unter 16 Jahre alter Mädchen aus dem Internet heruntergeladen. Die Kobik, die Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Bundespolizei, kam ihm auf die Schliche.

«Ein gewisser Kick des Verbotenen» habe ihn gereizt, sagt der Logistiker, der seither vom stellvertretenden Abteilungsleiter zum einfachen Mitarbeiter mit einem Nettolohn von 4180 Franken zurückgestuft worden ist. Er gibt sich in der Verhandlung ­kooperativ. Einen Verteidiger hat er keinen zugezogen, verzichtet auch auf ein Schlusswort. Er betont nur, dass er keine Buben ­angeschaut habe, sondern nur Mädchen und zwar, wie er anfügt: «In erotischer Pose.»

Er bestreitet auch, die heruntergeladenen Videos betrachtet zu haben. Wenn er bemerkt habe, dass es Videos seien, habe er sie jeweils gleich gelöscht. Da ihm die Staatsanwältin offenbar nicht das Gegenteil nachweisen konnte, halbiert das Gericht ihre Anträge. Es verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 100 Franken, bedingt erlassen auf zwei Jahre, da er zum ersten Mal straffällig wird. Dazu kommen eine Busse von 2000 Franken, Gerichtskosten von 1000 Franken und Verfahrenskosten von über 6000 Franken, die wegen des Einsatzes der Kobik so hoch ausgefallen sind.

 

Da seien «lebende Kinder» auf den heruntergeladenen Bildern, sagt die Richterin, «keine Zeichnungen». Ob er sich nie überlegt habe, will sie von ihm wissen, wie diese Bilder hergestellt worden seien, was das für die Entwicklung der dargestellten Mädchen bedeute. Die lakonische Antwort: «Nein.» Die in der Anklageschrift erwähnten Suchbegriffe, die der Schweizer auf Tauschbörsen eingab, führen zu Bildern, die eine ukrainische Agentur zwischen 2001 und 2004 herstellte. Einige hundert Mädchen mussten als Model dienen. Die Eltern sollen ein Honorar zwischen 10 und 40 Dollar pro Stunde erhalten haben. Seit Zerschlagung der Agentur werden die Bilder von andern Anbietern im Internet zum Verkauf angeboten.

Er werde sich zusammenreissen, um nicht rückfällig zu werden, versichert der Verurteilte. Um ihm dabei zu helfen, auferlegt ihm das Gericht während der Probezeit eine psychotherapeutische Massnahme.

 

Thomas Wunderlin

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